Notizen zur Geschichte der Deutschen Oper am Rhein
Dr. Vita Huber- Hering, Autorin

Musikthater 1964 - 1986


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Professor Dr. Grischa Barfuss leitete von 1964 - 1986 als nächster Generalintendant die Deutsche Oper am Rhein. In Wilna geboren, kam er als Theater- und Musikkritiker von der Zeitung und war zwei Jahre Schauspieldirektor bei Karl Heinz Stroux am Düsseldorfer Schauspielhaus, an dem er, ausgewählte Werke begleitend, auch eine eigene Buchreihe herausgab.
Als Intendant der Wuppertaler Bühnen, die er zu einem beachteten Theater machte, edierte er die Theaterpublikation Theater und Zeit in Zusammenarbeit mit Helmut Henrichs, Gerhard F. Hering, K.H.Ruppel und H.H.Stuckenschmidt, einer Riege bekannter Theaterkritiker und Theaterfachleute. In Düsseldorf baute Grischa Barfuss, der übrigens auch Autor war, das erste Doppelinstitut zu einem international bedeutenden Haus aus, mit weltweit renommierten Sängerinnen und Sängern, die ein viel bewundertes Ensemble bildeten. Das Repertoire der Intendanz Barfuss übertraf das von Berlin, Hamburg und München.
In dieser Zeit, auch das muß einmal erwähnt werden, war es, wenn auch nicht überall, üblich, daß ein Intendant, wie dieser und der nächste bewiesen, gleicherweise in der Kenntnis von Oper und Schauspiel bewandert war, hinzugenommen die umfassende Personalkenntnis und kluge Beurteilung von Stimmen zum Aufbau von Zusammenklang und Zusammenspiel.
Das schließt auch die Förderung junger Talente ein.

Dr. Barfuss brachte aus Wuppertal sein eingeschworenes Team mit: den Regisseur Georg Reinhardt, den Bühnenbildner Heinrich Wendel, meinen Vorgänger als Chefdramaturg der Deutschen Oper am Rhein, Rolf Trouwborst, und den Choreographen Erich Walter, der, nachdem unter Hermann Juch der schöpferische Kurt Joos leider nach Essen abgewandert war, ein brillantes Ballettensemble etablierte. Er vergrößerte die Compagnie wesentlich und gewann auch durch das Engagement von Gastchoreographen wie Birgit Cullberg, Hans van Manen und John Cranko internationales Ansehen. 1973 wurde das neue Balletthaus in Düsseldorf-Oberkassel gebaut. Nach dem Tod von Erich Walter, im November 1983, übernahm Paolo Bortoluzzi - Star des Balletts des XX.Jahrhunderts von Maurice Bejárt in Brüssel - für acht Jahre die Leitung des Balletts der Deutschen Oper am Rhein. Schon in dieser Zeit arbeitete Heinz Spoerli fallweise als Gast für die Compagnie. Professor Kurt Horres verpflichtete ihn 1991 als Direktor und Choreograph bis 1996. Paolo Bortoluzzi, ab 1991 Ballettdirektor des Grand-Théâtre de Bordeaux, starb 1993 in Brüssel.

Die Treue von Grischa Barfuss zu seinem Haus und seinem Ensemble erwies sich besonders, als er entsprechende Angebote ablehnte, Intendanzen in Hamburg und München zu übernehmen. Den ästhetischen Stil bestimmten überwiegend die Bühnenbilder von Heinrich Wendel mit ihren Projektionen und die Inszenierungen von Georg Reinhardt. Auch band Barfuss, - wie vor ihm Gustaf Gründgens den bildenden Künstler Robert Pudlich - den Maler und Bildhauer Ewald Mataré in seine Pläne ein. Die Gründer der Gruppe ZERO statteten Ballette aus. 1965 kam Günther Wich als Generalmusikdirektor an die Deutsche Oper am Rhein. Vom Barock bis zur Moderne reichte der Spielplan des Intendanten, der mit künstlerischer Intention und in großem Stil Theatermanagement, wie man heute sagen würde, betrieb. Einige Glanzpunkte seiner Aera: Hindemiths Urfassung Cardillac, 1965, die westdeutsche Erstaufführung von Schönbergs Moses und Aron, 1968, Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann, 1971, Alban Bergs Wozzeck, 1974, die westdeutsche Erstaufführung Der Tod in Venedig von Benjamin Britten, die deutsche Erstaufführung von Rudolf Kelterborns Ein Engel kommt nach Babylon und vieles andere mehr. Die Bedeutung der Deutschen Oper am Rhein zeigen am anschaulichsten die verschiedenen Zyklen, wie die Reihe der Opern Mozarts, der Zyklus Musiktheater im XX. Jahrhundert, der Richard Strauss-Zyklus, Puccini-Zyklus, Wagner-Zyklus, Rossini-Zyklus und, damals außergewöhnlich, sämtliche Opern von Leoš Janáček. Wobei wir bei dem, neben Georg Reinhardt prägenden Regisseur Bohumil Herlischka wären, der nach und nach mit seinen Inszenierungen der Opern Janáčeks die Sichtweise des neuen Musiktheaters vertrat. Zu den Dirigenten, die das enorme Repertoire sowie die wechselweisen Premieren in Düsseldorf und Duisburg leiteten, gehörten neben Günther Wich - und Hiroshi Wakasugi, seinem Nachfolger als Generalmusikdirektor von 1981-1986 - Alberto Erede, Arnold Quennet und Robert Schaub, auch Rafael Frühbeck de Burgos, Marek Janowski, Jiri Kout, Friedemann Layer, Peter Schneider, Horst Stein, Hans Zender und in den letzten Jahren der Intendanz Barfuss der damals junge Christian Thielemann. Auch wurden die Chefdrigenten der beiden städtischen Orchester, der Düsseldorfer Symphoniker und Duisburger Sinfoniker, in den laufenden Opern- und Ballett-Spielplan eingebunden. Im Foyer des Opernhauses Düsseldorf gab es Lesungen, sowie musikalische Matineen.

Da alle Namen hier zu nennen nicht möglich ist, mögen diejenigen Sänger und Sängerinnen für alle anderen hier stehen, deren Karrieren unverwechselbare künstlerische Linien durch ganz Europa und Amerika gezogen haben: Hildegard Behrens, Ingrid Bjoner, Helga Dernesch, Elisabeth Grümmer, Hana Janku, Edda Moser, Jeanne Piland, Trudeliese Schmidt, Rachel Yakar, Ursula Schröder-Feinen, Astrid Varnay, Teresa Zylis-Gara, Hermann Becht, José van Dam, Simon Estes, Thomas Hampson, René Kollo, Zoltan Kelemen, Carlos Krause, Donald McIntyre, Peter Meven, Karl Ridderbusch, Hans Tschammer. Eine ähnliche Liste berühmter Solisten ließe sich auch aus dem Ballett aufstellen.
Die Expansion und der Ruf der Deutschen Oper am Rhein und ihres Balletts ist auch an den Gastspielen zu messen, die zu Festivals in ganz Europa eingeladen wurden, eine überwältigende Zahl, die nur Österreich, Griechenland und einige Länder des Ostblocks ausschließt und deren Ballett Tourneen bis Mexiko und Südamerika reichten.

Zweiundzwanzig Jahre einer Intendanz, von 1964 - 1986, sind eine lange Zeit. Es war damals bereits selten und es wäre heute nicht mehr denkbar. Obwohl noch zum Beispiel Hans Schalla am Schauspielhaus Bochum, Walter Erich Schäfer an den Württembergischen Staatstheatern Stuttgart und Boleslaw Barlog am Schillertheater Berlin zu erwähnen wären. Möglicherweise auch noch der eine oder andere. An der Deutschen Oper am Rhein war jedoch der Zenit der Generalintendanz von Grischa Barfuss überschritten. Die Handschrift der Regisseure Gian-Carlo del Monaco, Hans Neugebauer, Ernst Poettgen, Jean-Pierre Ponnelle, Wolf Völker, Gert Westphal und anderer kannte man. Bohumil Herlischkas Kraft war matt geworden, Georg Reinhardt hatte 1979 die Deutsche Oper am Rhein verlassen. Heinrich Wendel starb 1980, Erich Walter 1983. Ein Wechsel stand an.


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