Notizen zur Geschichte der Deutschen Oper am Rhein
Dr. Vita Huber- Hering, Autorin

Musiktheater 1986 - 1996


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Professor Kurt Horres, der dritte Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, in Düsseldorf geboren, war an der Universität Köln und am Robert Schumann-Konservatorium in Düsseldorf ausgebildet worden, bevor er an die Komische Oper Berlin zu Walter Felsenstein ging. Mit Horres, der Operndirektor in Lübeck und Wuppertal, Intendant des Staatstheaters Darmstadt und Intendant der Hamburgischen Staatsoper gewesen war, kam zum erstenmal ein ausgewiesener Regisseur und Interpret des zeitgenössischen Musiktheaters als Intendant an die Deutsche Oper am Rhein. Seine Inszenierungen von Ur- und Erstaufführungen, darunter Opern von Boris Blacher, Luigi Dallapiccola, Paul Dessau, Gottfried von Einem, Wolfgang Fortner, Hans Werner Henze, Paul Hindemith, Giselher Klebe, Darius Milhaud, Kryzysztof Penderecki und Udo Zimmermann hatten ihn als ernsten und wegweisenden Erneuerer einer teilweise verflachten und vermeintlich kulinarischen Opernrezeption bekannt gemacht. Er arbeitete außer in Lübeck, Wuppertal und Darmstadt, an den Opernhäusern von Berlin, München, Hamburg, Stuttgart und Wien. Als er an die Deutsche Oper am Rhein seiner Heimatstadt berufen wurde, begann er das Doppelinstitut aus der in den letzten Jahren abgeschotteten Existenz Neuem zu öffnen. Das bedeutete, wie es im Wandel eines Theaters und einer Persönlichkeit liegt, eine andere Konzeption, eine andere Sicht. Kurt Horres eröffnete die Intendanz mit seiner Inszenierung von Wolfgang Fortners Bluthochzeit. Er hatte, guter Tradition verbunden, für die Partie der Mutter, Martha Mödl an die Deutsche Oper am Rhein zurückgeholt, die in den nächsten Jahren ihre außerordentliche Präsenz als geliebte und verehrte Mitte des Ensembles immer wieder bewies. Als Schlußpunkt seiner Inszenierungen dieser zehn Jahre setzte er Alban Bergs Wozzeck.

Von der Hamburgischen Staatsoper verpflichtete Kurt Horres Hans Wallat als neuen Generalmusikdirektor an die Deutsche Oper am Rhein. Die Chefdirigenten der städtischen Symphonieorchester Düsseldorfs und Duisburgs wurden erstmals eingeladen Opern einzustudieren, so Alexander Lazarew, David Shallon, Bruno Weil und vice versa dirigierte der Generalmusikdirektor städtische Konzerte. Zu den Dirigenten der Aera Horres zählten unter anderen, Michael Boder, Fréderic Chaslin, Hans Drewanz, Peter Erckens, Alberto Erede, Peter Gülke, Walter E. Gugerbauer, Bohumil Gregor, Heinrich Hollreiser, Hiroshi Kodama, Siegfried Köhler, Bernhard Kontarsky, Janos Kulka, Fabio Luisi, Yehudi Menuhin, Ingo Metzmacher, Christoph Prick, Christian Thielemann, Neil Varon, Ralf Weikert, der so früh verstorbene Johannes Winkler, Alberto Zedda und Robert Schaub, der von der Gründung der Deutschen Oper am Rhein bis 1993 insgesamt zweitausendneunhundert Vorstellungen dirigierte.
Chordirektor Rudolf Staude formte und leitete von 1960 bis 1996 den exzellenten Chor, dessen besonderer Zusammenklang immer gerühmt wurde. Ballettdirektor und Choreograph Heinz Spoerli übernahm 1991 von Paolo Bortoluzzi die Ballett-Compagnie mit den vielfach geehrten Solisten Monique Janotta und Falco Kapuste, um nur diese beiden stellvertretend zu nennen. Er brachte das Ballett der Deutschen Oper am Rhein zu neuem Glanz und ergänzte seine künstlerischen Creationen mit Arbeiten von Maurice Bejárt, Bernd R. Bienert, Peter Breuer, Niels Christe, Mats Ek, William Forsythe, Hans van Manen, Tom Schilling, Uwe Scholz, Jochen Ulrich, Pierre Wyss. Das Balletthaus in Düsseldorf Oberkassel, hochmodern umgebaut und ausgestattet mit einem neuen Ballettsaal wurde Heinz Spoerlis Reich. Im übrigen bedürfte das Ballett der Deutschen Oper am Rhein einer eigenen ausführlichen Darstellung.

Die Inszenierungen der ersten beiden Jahre der Intendanz von Kurt Horres zündeten explosive Diskussionen. Ein Teil des Publikums verweigerte sich einem anderen Stil und den geistigen Anforderungen des zeitgenössischen Musiktheaters und wollte alles so haben wie in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren. Die Türen des Zuschauerraumes wurden während mancher Vorstellungen kräftig von außen zugeschlagen. Doch unbeirrbar verfolgte Kurt Horres mit seinem Team den künstlerischen Anspruch, den er sich gesetzt hatte. Andreas Reinhardt als primus inter pares entwarf klare hohe Bühnenräume, und mit ihm zog - nach den Vorgängern Ruodi Barth, Max Bignens, Walter Gondolf, Jean-Pierre Ponnelle, Heinrich Wendel, Jorge Villareal, Jörg Zimmermann, deren Bildwelten im Repertoire durchaus präsent waren - eine neue Generation von Bühnenbildnern in das Haus: Erich Fischer, Pet Halmen, Xenia Hausner, Pieter Hein, Hans Hoffer, Wilfried Minks, Wolf Münzner, Gottfried Pilz, Hans Schavernoch, Johannes Schütz, Wilfried Werz. Langsam schichtete sich das Publikum in ein mehr mit Jugend durchwachsenes um.

Greift man aus diesen zehn produktiven Jahren einige Inszenierungen heraus,so war der Beginn mit Fortners Bluthochzeit von Kurt Horres programmatisch. Im ersten Jahr auch ging Udo Zimmermanns märchenhafte Weltgeschichte Der Schuhu und die fliegende Prinzessin mit Dale Duesing und Melissa Evans über die Bühne - gefolgt von der Inszenierung Günter Krämers von Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt als verschattete Kriminalgeschichte à la Hitchcock, mit Agnes Habereder in der Doppelrolle der zwielichtigen Marie/Marietta. John Dew inszenierte eine originelle Margarete von Charles Gounod mit Rachel Yakar in der Titelpartie, Peter Meven als Mephistopheles, und einer zeitbezogenen Breakdance-Walpurgisnacht in der Ausstattung von Gottfried Pilz.
1987 erarbeitete Günter Krämer mit Hans Wallat und der Bühnenbildnerin Xenia Hausner Die Gezeichneten von Franz Schreker mit Trudeliese Schmidt als Malerin Carlotta und William Cochran als Alviano Salvago. Mit dieser Inszenierung gastierte das Ensemble 1988 in Brüssel, 1989 in Wien. Im selben Jahr inszenierte Kurt Horres Offenbachs Hoffmanns Erzählungen in der Bühne von Andreas Reinhardt, die inspiriert die Lust an der Mechanik mit der Aura des Theaters auf dem Theater verband. Alexandru Ionitza war der sich in der Phantasie verlierende Hoffmann, Jürgen Freier sein finsterer Gegenspieler in den vier Bariton-Partien. Wolfgang Fortners In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa, und Udo Zimmermanns Wundersame Schustersfrau wurden von Elmar Fulda in der Bühne von Ruth Schäfer, bezw. Gottfried Pilz, sensibel und effektvoll in Szene gesetzt.

Kurt Horres hatte das ausladende Repertoire aus der Zeit von Grischa Barfuss auf zweiunddreißig Opern verknappt, sowohl aus künstlerischen als auch pragmatisch technischen Gründen. Rund die Hälfte seines Spielplans weist Opern zeitgenössischer Komponisten aus, zum Beispiel Luciano Berio Ein König horcht, inszeniert von Holk Freytag, am Pult Neil Varon, Hanns Werner Hüsch in der Sprechrolle des Freitag, - Hans Werner Henze Die Bassariden, von dem Filmregisseur Bernhard Sinkel in einer subtilen und bildmächtigen Form in Szene gesetzt, Bühne Andreas Reinhardt, Hans Drewanz am Pult - Krzysztof Penderecki Die Teufel von Loudun, in der Regie von Günter Krämer, dirigiert von Janos Kulka. Wie Günter Krämer brachten damals jüngere Regisseure,- Georges Delnon, Eike Gramss, Gerd Heinz, Thomas Schulte-Michels, die ursprünglich vom Schauspiel kamen - immer wieder neue Aspekte ins Spiel. Opernerfahrene Regisseure und Intendanten kamen hinzu: Peter Brenner, August Everding, Michael Hampe, Hans Hollmann, Hellmuth Matiasek.
Pet Halmen
inszenierte Aida, die geheimnisvoll im ägyptischen Museum in Kairo spielte, Wilfried Minks verband ebenfalls Regie und Ausstattung für seine Fledermaus und Johannes Schütz inszenierte und entwarf die Ausstattung für Iphigenie in Aulis.

Kurt Horres bestimmte begreiflicherweise Stil und Richtung seines Hauses. Seine Inszenierungen setzten Schwerpunkte. Dazu gehörten auch die Werke von Giselher Klebe. Dessen Oper Die Räuber, wurde bereits 1957 in der Aera Juch uraufgeführt, Das Märchen von der schönen Lilie 1969/70 in der Intendanz von Grischa Barfuss. Insgesamt wurden sieben Werke von Giselher Klebe an der Deutschen Oper am Rhein ur- und erstaufgeführt. Kurt Horres hatte in Darmstadt Die Fastnachtsbeichte uraufgeführt und in Mannheim Der Jüngste Tag. An der Deutschen Oper am Rhein setzte er 1988 diese Oper nach dem Schauspiel von Ödön von Horvath noch einmal in Szene, in der Bühne von Andreas Reinhardt, mit Hermann Becht und Marie-Claire O'Reirdan, am Pult Hans Wallat. 1992 folgte Jacobowsky und der Oberst, nach dem Schauspiel von Franz Werfel. "Inmitten allfälliger Musicalseligkeit ist Jacobowsky landauf, landab das bei weitem stärkste Theater-Stück, ein Meisterwerk. Großartig spielen die Düsseldorfer Symphoniker unter Walter E. Gugerbauers Leitung, großartig spielen und singen Hermann Becht, Wolfgang Schmidt, Fionnuala McCarthy" war in der Westdeutschen Zeitung am 10.1.1995 nach der Duisburger Premiere zu lesen. Und die Neue Ruhr Zeitung vom selben Tag weist auf ein Kriterium hin, das alle Inszenierungen von Kurt Horres so unverwechselbar auszeichnete: "Wenn es um Schicksalsgemeinschaften bedrängter Menschen geht, wenn leise Trauerarbeit in lauten Zeiten zu leisten ist, dann läuft Kurt Horres als Regisseur zur Hochform auf...Horres kann sich auf ein beglückend engagiertes und intelligentes Ensemble stützen....."
Dank der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen war es möglich, dem Komponisten Giselher Klebe zu seinem 80. Geburtstag den Auftrag für eine Oper zu erteilen. Am 10. November 1995 wurde,inszeniert von August Everding, mit Marta Marquez in der Titelpartie, Gervaise Macquart uraufgeführt, nach dem Roman Der Totschläger von Emile Zola, Libretto Lore Klebe. Musikalische Leitung Janos Kulka, Bühne und Kostüme Andreas Reinhardt. Für Martha Mödl komponierte Giselher Klebe die ergreifende Partie der Mutter Bazouge, die ihre Menschlichkeit den Ärmsten der Armen und ihren Toten erweist.

Während in diversen Städten noch langwierig über Kooperationen von Theatern und Austausch von Produktionen diskutiert wurde, zeigte man längst Vorstellungen des klassischen Balletts der Deutschen Oper am Rhein mit dem Tanzforum Köln abwechselnd in beiden Städten. Der Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Kurt Horres, am Pult Hans Wallat, wurde über Jahre als Ring am Rhein in Köln, Düsseldorf und Duisburg aufgeführt. In Andreas Reinhardts Bühnenräumen suggestiver Welten von Göttern und Menschen entfaltete sich inmitten der Elemente Wasser, Erde,Firmament und Feuer die entschiedene Sicht des Regisseurs auf das Ringen um die Macht, mithilfe der Lüge, des Betrugs, des Verrats, des Mordes, und die entsprechenden Konsequenzen. Eine der schlüssigsten Interpretationen des Rings überhaupt.

Seit 1986 dokumentierten die Programmhefte zum erstenmal durch gleiches Format und reicheren Inhalt die Gemeinsamkeit der Oper Düsseldorf mit dem Theater der Stadt Duisburg als Deutsche Oper am Rhein. Zuvor hatte das Duisburger Publikum lediglich ein Annoncenheftchen und den Personenzettel erhalten. In diesen neuen Programmheften schrieben Komponisten wie Giselher Klebe, Jürg Baur und Oskar Gottlieb Blarr und Schriftsteller wie Peter Härtling, Walter Jens, Hans Mayer, Herbert Heckmann und andere Originalbeiträge. Gespräche mit Giselher Klebe, Aribert Reimann, Yehudi Menuhin, mit Regisseuren und Dirigenten sind festgehalten und vieles mehr. Auch eine Reihe von Werkstattgesprächen wurde 1986 zum erstenmal eingeführt, insgesamt über achtzig Matineen in beiden Häusern. Über siebzig Exemplare zählt auch die Galerie der Stückplakate aus jener Zeit, welche die Handschrift von Bühnenbildnern und ersten Graphikern zeigen.
Die Foyers des Düsseldorfer Hauses öffneten sich achtundzwanzig Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, darunter die Maler und Bühnenbildner Robert Pudlich und Hein Heckroth, der Maler und Bildhauer Michael Irmer, und die Bühnenbildner Andreas Reinhardt, Johannes Schütz und Wilfried Werz, die Fotografen Michael Dannenmann, Klaus Lefebvre und Eduard Straub und Studierende der Kunstakademie sowie der Fachhochschule Düsseldorf. All dies wurde umgesetzt mithilfe der in Graphik und Ausstellungsdesign erfahrenen Leiterin des Ausstattungsbüros, der Bühnenbildnerin Gerda Zientek. 1990 erschien zum erstenmal eine Theaterzeitung und in ihr die monatliche Rubrik, Das Kurzinterview, in der Politiker und Kulturpolitiker, Industrielle und Wirtschaftsfachleute, Ärzte und Architekten, Künstler und Freunde aus dem Freundeskreis der Deutschen Oper am Rhein befragt wurden, Persönlichkeiten, die im engeren wie weiteren Sinn mit der Deutschen Oper am Rhein in Verbindung standen. Das Pendant dazu waren die in den Programmheften publizierten Gespräche mit Komponisten, Dirigenten, Regisseuren, Bühnen- und Kostümbildnern, mit dem Ensemble, dem Chordirektor, den Direktoren des Balletts, den Choreographen und der Technik. Einhundertzwanzig Interviews und Gespräche wurden aus diesen zehn Jahren ausgewählt und 1996 von der Deutschen Oper am Rhein als Buch publiziert. Bis 1995 stieg die Auflage der Theaterzeitung auf 12.000 Exemplare, die bereits an jedem 20. des Monats vergriffen waren. Nach dem Ende der Intendanz von Professor Horres wurde die monatliche Theaterzeitung der Deutschen Oper am Rhein eingestellt.

Zum erstenmal gab es Kooperationen zwischen der Oper und dem Düsseldorfer Schauspielhaus mit Weihnachten in Lied und Wort, mit der Theatergemeinde, dem Stadtmuseum, der Heinrich Heine-Gesellschaft, Robert Schumann-Gesellschaft, Deutsch-Finnischen Gesellschaft und dreitägige Operntagungen als Symposien der Evangelischen Stadtakademie Düsseldorf.
In Lieder-Abenden sangen unter anderem Francisco Araiza, Dietrich Fischer-Dieskau, Nicolai Gedda, Jochen Kowalski, Kurt Moll und Solisten der Deutschen Oper am Rhein.
In diesem Jahr, 2011, kann die Deutsche Oper am Rhein das fünfzigjährige Bestehen des Opernstudios begehen. 1991 wurde das dreißigjährige Jubiläum gefeiert. In vierzehn Matineen und Opernabenden zeigten von 1986 -1996 die jungen Sänger und Sängerinnen in eigenständigen Inszenierungen ihr Können, abgesehen von den Einstudierungen und Auftritten, die sie an der Seite großer und bühnenerfahrener Kollegen und Kolleginnen im regulären Spielplan absolvierten. Es ist nicht möglich alle Aktivitäten aufzuzählen, doch seien noch die vierzehn Benefizkonzerte und -veranstaltungen für das Deutsche Rote Kreuz, die Gesellschaft zur Bekämpfung der Krebskrankheiten GBK und zugunsten der Opfer des Erdbebens in Japan, 1995, erwähnt. Dazu kamen die Ehrungen - Kurt Horres vergab als erster Intendant der Deutschen Oper am Rhein den Titel Kammersänger und Kammersängerin - die Feiern zu den diversen Bühnen- und Geburtstagsjubiläen wie z. B. für Astrid Varnay, Martha Mödl und Alberto Erede - oder die Ernennungen des Düsseldorfer Oberstadtdirektors Gerd Högener, des Oberbürgermeisters der Stadt Duisburg Josef Krings und von Mitgliedern des Ensembles zu Ehrenmitgliedern. Viel zu danken ist dem Freundeskreis der Deutschen Oper am Rhein, für den jedes Jahr ein festlicher Abend im Opernhaus Düsseldorf veranstaltet wurde. Auch sind zum erstenmal die Premierenfeiern in den Foyers der Düsseldorfer und Duisburger Opernhäuser dem Publikum geöffnet worden. Vergessen sollte man auch nicht, daß in jenen Jahren das Tea-Time-Ensemble mit Konzerten in den Foyers beider Theater ins Leben gerufen wurde, das inzwischen zahlreichen Besuchern Freude und unbeschwerte Stunden beschert hat. Lieder-Abende und -Matineen und Sonderpublikationen ergänzten das begleitende Programm.

Die Spielpläne, die von Claudio Monteverdi bis Wolfgang Rihm reichten, mit 387 Vorstellungen in Düsseldorf und Duisburg pro Saison, gehörten in der Intendanz von Kurt Horres zu den umfangreichsten deutscher Opernhäuser. Undenkbar ohne die intensive Mitarbeit aller Beteiligten - und vor allem undenkbar ohne das Ensemble der Sängerinnen und Sänger, eines der letzten, das in seiner hochstehenden Kultur von Gesangs- und Darstellungskunst diesem Namen wahrhaft Ehre machte. Die Besucher, die sich erinnern können und wollen, werden Kurt Moll als Gurnemanz und Sarastro nicht vergessen, Dale Duesing als durch die Welt streifenden rätselhaften Schuhu, Hermann Becht als listigen Jacobowsky und mit Schuld beladenen Bahnhofsvorstand Hudetz in den Opern von Giselher Klebe, Stefan Heidemann als Don Perlimplin; sie werden nicht Gabriele Schnauts strahlende Brünnhilde vergessen, Wolfgang Schmidt als Siegmund, Tannhäuser und Parsifal, Helmut Pampuch, gefragt an großen Opernhäusern als Mime und Trudeliese Schmidt, die Horres wieder an das Haus zurückgeholt hatte. Sie ließ als Malerin Carlotta in Die Gezeichneten, Priorin Jeanne in Die Teufel von Loudun, als Leokadja Begbick in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und Marie in Wozzeck ihre schillernde Darstellung gefährdeter Charaktere mit vehementer Intensität wirksam werden. Jeanne Piland mit ihrem samtenen Mezzo ist unvergeßlich präsent als Glucks Klytämnestra, Monteverdis Ottavia und Massenets Charlotte an der Seite von Manfred Fink als Werther in der konzertanten Aufführung mit dem Kinderchor der Internationalen Japanischen Schule, dessen helle Stimmen mit dem charakteristischen "Noël, Noël" noch im Gedächtnis nachklingen. Man wird sich weiter an die Kultur der Stimmen und attraktiven Erscheinungen erinnern:
Alexandra Coku als Fiordiligi und Gräfin Almaviva, Graciela Araya als Lukrezia und Cenerentola, Fionnuala McCarthy als Pamina, Liu, Poppea, Mimi, Micaela, Marianne in Jacobowsky, Beatrice Niehoff als Braut in Bluthochzeit und als Udo Zimmermanns Wundersame Schustersfrau, Gabriele Reinholz als Dorabella, Hoffmanns Muse und Jenny Hill in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny mit Mario Brell als Jim, Lisa Griffith als Mozarts Susanna, Fortners Belisa und Frieda in Aribert Reimanns Das Schloß, in dem man auch Richard Salter als Franz Kafkas K. nicht aus dem Gedächtnis verlieren kann, in der Inszenierung von Kurt Horres, musikalisch geleitet von Janos Kulka, Bühne Xenia Hausner, die sich Jahre nach ihrer Theaterkarriere wie ihr Vater Rudolf Hausner ganz der Malerei verschrieb. Zwei Wochen nach der Uraufführung 1992 in Berlin, wurde Das Schloß an der Deutschen Oper am Rhein erstaufgeführt. Die genannten Sänger und Sängerinnen mögen hier auch für diejenigen stehen, die in diesem Rahmen nicht genannt werden können. Jede Erwähnung birgt gleichzeitig das Versäumnis, andere, mitunter von gleichem Rang und Namen, nicht erwähnt zu haben.

Man kommt, sagte Voltaire, nur mit wenig Gepäck auf die Nachwelt. Mag sein. Sofern Voltaire Volumen und Qualität des Gepäcks beurteilt. Auch ist es nicht möglich, in diesem Volumen hier alle Namen mitzuführen, die es verdienen und die an anderer Stelle in Bild und Wort gewürdigt wurden und gleichberechtigt in den vielfältigen Verkörperungen ihrer Kunst Bestand haben.

Die Einladungen zu Gastspielen sprechen ihre eigene Sprache. Die Theaterarbeit von Kurt Horres, der unter anderem in Bordeaux, Berlin, Bern, Brüssel, Darmstadt, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Wien inszenierte, wurde international anerkannt. 1987 gastierte die Deutsche Oper am Rhein mit dem Ensemble und beiden Orchestern, den Düsseldorfer Symphonikern und den Duisburger Sinfonikern in Moskau und zeigte im Rahmen dieser größten Repräsentation deutscher Kultur in der UdSSR im Bolschoi-Theater Mozarts Zauberflöte, Webers Freischütz, Wagners Walküre und Fortners Bluthochzeit. Zwei Konzerte im Moskauer Konservatorium kamen hinzu. Das Wort Logistik war in jener Zeit noch nicht so gebräuchlich wie heute, aber es trifft auf das zu, was damals von der Deutschen Oper am Rhein im ersten Jahr einer neuen Intendanz in nur knapp fünf Monaten - denn die Termine datierten noch aus der Aera Barfuss - geleistet wurde. Ein Gastspiel in Moskau - das spricht sich heute so leichthin. Im Jahr 1987 bedeutete der "Aufbruch in den Osten eines der größten kulturellen Unternehmen der Bundesrepublik Deutschland in der sowjetischen Hauptstadt....An den sieben Aufführungen sind insgesamt 500 Personen beteiligt, 200 Musiker, 90 Angehörige des Chors, 40 Gesangsolisten, zehn Schauspieler, 55 Statisten, ein Heer von Technikern, Spielleitern, Beleuchtern, Maskenbildnern, Repetitoren und Souffleusen. Auch der Theaterarzt und drei Dolmetscherinnen reisen mit ", so Die Welt am 23. April 1987. Und damit nicht genug. "Das größte Gastspiel, das ein deutsches Opernhaus jemals im Ostblock gegeben hat...ist gigantisch: von der Neun-Millimeter-Schraube, den Bohrern, Leim und Schraubzwingen über die Perücken, Masken, vier schwarzen Rosen, einem Totenkopf mit Leinentuch, Sargbändern, dem Gebetbuch, einem Laib Brot und einer Hutschachtel - eben die komplette Bühnentechnik und sämtliche Requisiten - mußte alles in Kisten verpackt, verladen und vor allem aufgelistet werden. Denn eine solche Reise bedeutet Unmengen Papier: Alle Schrauben müssen gezählt werden - die Zollbehörden der DDR, Polens und der UdSSR sind genau. Der Papierkrieg macht natürlich erst recht nicht vor dem Waffenarsenal halt: die Pistolen aus Webers Freischütz, die Dolche aus Mozarts Zauberflöte, die Karabiner aus Fortners Bluthochzeit und das Schwert aus Wagners Walküre - alles mußte ordentlich verpackt und notiert werden. Von den Visa für 500 Personen ganz zu schweigen..." schrieb die Rheinische Post am 14. Mai 1987.
Achtzehn Lastwagen kamen nach abenteuerlichen 2500 km in Moskau an. Die Schwierigkeiten, die Professor Horres bewältigte, waren enorm und man kann sie sich heute nicht mehr in ihrem ganzen Ausmaß vorstellen. Chefdisponent Fred Hartmann und Verwaltungsdirektor Dr. Werner Hellfritzsch standen ihm im künstlerischen wie organisatorischen Bereich zur Seite. Abgesehen von der Technik und der, neben dem regulären Spielbetrieb, intensiven Arbeitsleistung sämtlicher Mitglieder. Hilfe und Unterstützung leistete in allen diplomatischen Fragen der deutsche Botschafter in Moskau Dr. Andreas Meyer-Landrut, ein Name, den in der Gegenwart seine Enkelin Lena singend europaweit bekannt macht.

Das Aufsehen, das dieses außergewöhnliche Gastspiel mit den vier Opern und zwei Konzerten in der Sowjetunion erregte, war - als Brücke zur Kultur des Westens erkannt - bedeutend. Die Menschen reisten aus Usbekistan, der Ukraine, aus Georgien an, um zu sehen und zu hören, was ihnen jahrzehntelang vorenthalten worden war. Der Kartenverkauf lief über die staatliche Agentur Intourist, von der zu hören war, daß die Plätze für alle Aufführungen zehnfach hätten verkauft werden können. So kamen sie überwiegend wieder in die Hände devisenstarker Ausländer und der geringere Teil an interessierte Moskowiter. Sie standen in Schlangen vor dem Bolschoi-Theater. Ergreifend war, daß während der Proben die Orchestermusiker des Bolschoi zu Füßen ihrer spielenden deutschen Kollegen im Orchestergraben kauerten, um zum erstenmal diese Opern zu hören. Viele von ihnen sprachen übrigens ausgezeichnet deutsch, das sie an der Lomonossow-Universität gelernt hatten, wenngleich sie natürlich nie im Ausland waren. Auch sah man in den Pausen vor den Portalen des Bolschoi einen Wechsel von Besuchern, die sich für eine Vorstellung einen einzigen Platz teilten. Der Erfolg der beiden Aufführungen Zauberflöte, einer Inszenierung Leopold Lindtbergs, dirigiert von Christof Prick, war überwältigend. Ebenso gelungen war die Resonanz der drei Aufführungen Der Freischütz, inszeniert von Otto Schenk, mit Hans Wallat am Pult. Schwieriger gestaltete sich aus begreiflichen politischen Gründen die Aufnahme der Walküre, eine Inszenierung von Georg Reinhardt, wenngleich am Ende Hans Wallat und die Duisburger Sinfoniker enthusiastisch gefeiert wurden. Die Neue Rheinzeitung berichtete am 25. Mai 1987: "...große Zeitungen wie die Prawda deuten in aller Vorsicht an, daß dieses Gastspiel eine überragende kulturpolitische Bedeutung habe....Ohne Zweifel: In der Sowjetunion, deren Kulturleben jahrzehntelang durch harsche Reglementierungen oft wie gelähmt schien, künden sich neue Zeiten an. In aller Vorsicht zwar, aber unübersehbar. Immerhin waren es die sowjetischen Kulturfunktionäre, die mit dem Freischütz, der Zauberflöte und der Walküre für dieses Gastspiel Werke aussuchten, die hier nicht recht gelitten waren." - "Dagegen hatte es Wolfgang Fortners Bluthochzeit vergleichsweise schwer. Wiewohl es auch im Rückblick wichtig und richtig erscheint, dieses bedeutende Werk der frühen Nachkriegs-Avantgarde in den Gastspielreigen aufzunehmen" schrieb die Westdeutsche Allgemeine. Zu dieser Aufführung, nach der Martha Mödl von russischen Autogrammjägern umlagert war, erschien auch Altbundespräsident Walter Scheel. "Hier als Resümee von einem ersten Brückenschlag zu sprechen, dürfte nicht übertrieben sein. Er hat die Strapazen, Kosten ( 1,2 Mio DM ) und bürokratischen Hindernisläufe, die das bisher größte deutsche Operngastspiel im Ostblock begleiteten, nicht zuletzt deshalb gelohnt, weil er Perspektiven für künftigen Kulturaustausch auftat, über ideologische Grenzen hinweg", so die Westdeutsche Allgemeine am 5. Juni 1987. Am Rande sei noch ein zeitgeschichtliches Kuriosum vermerkt: Als einige Mitglieder in der Nacht vom Bolschoi zum Riesenkomplex des Hotels Rossija, das inzwischen längst abgerissen ist, zurückgingen, wunderten sie sich über ein kleines Flugzeug an der Kreml-Mauer, das bis zu unserer Abreise Rätsel aufgab. Es war die Cessna des Matthias Rust.

Im September 1988 gastierte die Deutsche Oper am Rhein mit Franz Schrekers Die Gezeichneten, in der Inszenierung von Günter Krämer, dirigiert von Hans Wallat, Bühne Xenia Hausner, im Théâtre de la Monnaie in Brüssel und im Juni 1989 bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien.

Noch unmittelbarer als das vierzehntägige Gastspiel der Deutschen Oper am Rhein in Moskau fiel die Einladung und der Aufenthalt in Berlin DDR in einen Zeitpunkt historischer Veränderung. Vom 3.- 8. Oktober 1989 gastierte das Ensemble mit zwei Werken des Musiktheaters mit den unbeabsichtigt beziehungsreichen Titeln in der Deutschen Staatsoper Unter den Linden: Der Jüngste Tag von Giselher Klebe, inszeniert von Kurt Horres dirigiert von Hans Wallat und Die tote Stadt von Erich Wolfgang Korngold in der Inszenierung von Günter Krämer, Dirigent Hans Wallberg. Wir sahen in unseren Hotelzimmern wie alle Welt im Fernsehen Michail Gorbatschow neben Erich Honecker bei der Militärparade zum 40. Jahrestag der DDR, wir sahen den befohlenen Fackelzug der FDJ Unter den Linden, wir hörten Schüsse in der Gegend des Alexanderplatzes, und ich war, geführt von Westberliner Freunden, in der Gethsemane-Kirche, auf deren Steinboden Dissidenten im Hungerstreik für den Frieden lagen. Es war der Anfang vom Ende der DDR, der mit der Friedensbewegung in Leipzig begonnen hatte.

Ein Jahr später hatte sich die Welt verändert. Das Ballett der Deutschen Oper am Rhein gastierte am 29. und 30. September 1990 im Rahmen der Berliner Festtage des Theaters und der Musik in der Komischen Oper Berlin, ein Haus, das Kurt Horres durch seine Jahre bei Walter Felsenstein besonders vertraut war. Auf dem Programm des ersten Abends standen die Kantate Jauchzet Gott in allen Landen von Johann Sebastian Bach in der Choreographie von Maurice Béjart - Les nuits d'été von Hector Berlioz, choreographiert von Paolo Bortoluzzi und Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky in der Choreographie von Erich Walter. Hiroshi Kodama dirigierte die Duisburger Sinfoniker. Der zweite Abend brachte Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Ballett von Hans van Manen, Jozef Czarnik am Klavier - Clair de lune von Claude Debussy, Choreographie Paolo Bortoluzzi - und zum Schluß wiederum Le Sacre du Printemps. Außerdem war das Ballett der Deutschen Oper am Rhein in den Jahren 1986 - 1996 auf Gastspielen unterwegs in Frankreich: Dijon, Annecy, Sochaux - in Italien: Syracus, Palazzolo, Turin - und gastierte in Luxemburg - und Lausanne.

Ein ähnlich großes Unterfangen wie das Gastspiel der Deutschen Oper am Rhein in Moskau, war die Einladung nach Japan. Vom 18. Oktober bis 12. November 1994 gastierten wir mit vier Aufführungen von Lohengrin, und drei Die Zauberflöte im Aichi Art Theater Nagoya und Bunka Kaikan Tokio. Wechselnde Besetzungen eingeschlossen. So dirigierten Hans Wallat und Walter E. Gugerbauer Lohengrin mit Rene Kollo und Eva Johansson als Elsa, Isolde Elchlepp und Bodo Brinkmann als Ortrud und Telramund - sowie Horst Hoffmann und Beatrice Niehoff und Hermann Becht und Ulla Sippola. Der durch viele Gastdirigate in Japan erfahrene Hans Drewanz dirigierte die Aufführungen Die Zauberflöte, Inszenierung Christian Boesch, Bühne und Kostüme Wilfried Werz. Die Chöre leitete in allen Vorstellungen Rudolf Staude. Kurt Moll war Sarastro, Alejandro Ramirez Tamino, Alexandra Coku/ Fionnuala McCarthy Pamina, Elena Mosuc/ Chihiro Bamba die Königin der Nacht und Stefan Heidemann und Lisa Griffith Papageno und Papagena. Das musikbegeisterte japanische Publikum, das kurz zuvor die Deutsche Oper Berlin zu Gast hatte, honorierte das Ensemble der Deutschen Oper am Rhein mit Enthusiasmus. Eingebunden in dieses Gastspiel waren auch zwei Konzerte der Düsseldorfer Symphoniker in Osaka und Tokio, Dirigent Salvatore Mas-Conde. Der Rückflug mit Lufthansa hielt noch eine besondere Überraschung für uns parat. Unvorhergesehen und unkommentiert war der Luftraum über Rußland gesperrt worden. Unvergeßlich der Flug über den Nordpol und Grönland!

Madrid beschloß die Gastspielreisen der Aera Horres mit der Einladung zum Festival de Otoño 1995. Am 11. und 12. Oktober wurde mit Unterstützung der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill und Bertolt Brecht in der Inszenierung des Generalintendanten im Teatro Lírico Nacional de la Zarzuela gezeigt. Walter E. Gugerbauer dirigierte, Bühne und Kostüme Andreas Reinhardt. Claudia Eder als Begbick, Gabriele Reinholz war Jenny Hill und Mario Brell Jim Mahoney."Während das Japan-Gastspiel von den Symphonikern Düsseldorfs begleitet wurde, spielen in Madrid die Duisburger Sinfoniker. Schönster Beweis für die sinnvolle Zusammenarbeit der Künstler beider Städte," schrieb Kurt Horres in seinem Vorwort des Gastspielführers an seine Mitarbeiter und schloß mit den Worten: Concordia semper.

Inzwischen war allerdings die Concordia Düsseldorfs und Duisburgs seit mehreren Jahren keineswegs mehr so einhellig wie sie einmal gewesen war, wenngleich Josef Krings, Oberbürgermeister der Stadt Duisburg und Bernd Dieckmann, Kulturdezernent Düsseldorfs, sich wo sie konnten für die Deutsche Oper am Rhein einsetzten und den Generalintendanten unterstützten. Duisburg hatte mit Arbeitslosigkeit und der Schließung der Zechen und Stahlwerke zu kämpfen und verringerte seine Zuschüsse und Düsseldorf folgte prozentual den Sparvorgaben. Vom Anfang bis zu den letzten Jahren der Intendanz Horres gab es mehr und mehr Einsparungen, die kulturell aufzufangen ihm aufgrund seiner Flexibilität und Erfahrung immer wieder gelang. Die Auslastung der Deutschen Oper am Rhein betrug immerhin 90%.
Zwei klassische Operetten, Die lustige Witwe mit Trudeliese Schmidt und Christian Boesch im ersten Jahr, Die Fledermaus im letzten, sorgten mit den Musicals Anatevka mit Michael Glücksmann und Martha Mödl, My Fair Lady mit Sona McDonald und Uwe Friedrichsen (als Doolittle) und Kiss me Kate mit Martha Marquez und Manfred Zapatka im leichteren Genre für das amüsierwillige Publikum. Bereits ab 1989 trug man den Einsparungen Rechnung mit jährlich einem konzertant aufgeführten Werk aus den entlegeneren Bereichen der Oper, allerdings mit hochkarätiger Besetzung: zum Beispiel Die Königin von Saba von Karl Goldmark mit Jeanne Piland und dem finnischen Tenor Raimo Sirkiä, Musikalische Leitung Janos Kulka. Enoch zu Guttenberg dirigierte Robert Schumanns Genoveva mit Siegfried Lorenz, Csilla Zentai, Tomas Sunnegardh, Uta Priew - Alberto Zedda La donna del lago von Rossini mit Jeanne Piland und Jane Henschel - und Siegfried Köhler Fürst Igor von Alexander Borodin mit Jürgen Freier und Luana DeVol.
1995 gab es einen besonderen Höhepunkt dieser Reihe: Professor Horres war es gelungen, mithilfe der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen Lord Yehudi Menuhin zu gewinnen, Mozarts Idomeneo konzertant einzustudieren. Der Amerikaner Thomas Moser von der Staatsoper Wien in der Titelpartie, die gebürtige Irin Fionnuala McCarthy als Ilia, Marta Marquez, von Puerto Rico stammend, Idamantes, Alexandra Coku aus Rumänien Elektra und der deutsche Tenor Markus Müller als Arbace beglaubigten einmal mehr die Internationalität eines Opernhauses vom Rang der Deutschen Oper am Rhein und die Einheit eines Ensembles erster Stimmen. Ovationen und der Ausruf in der WZ: Glückliches Düsseldorf! Glückliches Duisburg mochte man hinzufügen.

Was war? Was bleibt? Vielleicht sollte man zuweilen innehalten, um eine mögliche Antwort auf die zweite Frage zu überlegen. Sie zielt auf die Mitte allen künstlerischen Tuns in der so rasch vergehenden Welt der theatralischen Verwandlungen, auf das, was bleibt. Aber - wie könnte etwas bleiben im Wechsel der Personen, Bilder und Geschehnisse? Dieses Wie bestimmt wohl jeder nach den subtilen Eigenheiten des Empfindens und Empfänglichseins. Was die gesamte Arbeit mit dem großen Künstler Yehudi Menuhin so besonders und herausragend machte für alle, die mit ihm umgehen durften, geben seine eigenen Worte am besten wieder: "Alles ist irgendwie auch symbolisch, was wir tun ist nicht nur für den Moment, die Musik trägt mehr in sich und bedeutet eine Kommunikation mit der ganzen Menschheit." Die Kristallisation von Wissen und Emotion sei es, die ein Kunstwerk ausmache. Vieles von seiner Lebensleistung und seinem Lebenswerk ist zeitlos beherzigenswert, darunter der Satz: "Ich bin mit meinem Kopf schon gegen eine Reihe von ideologischen Wänden gerannt, aber die Erfahrung hat mich nicht davon überzeugt, daß die Musik vor der Unversöhnlichkeit der Menschen kuschen muß."

Zu Beginn der letzten Saison von Kurt Horres verabschiedeten sich seine beiden Vorgänger von dieser Welt. Der Gründungsintendant der Deutschen Oper am Rhein, ProfessorDr. Hermann Juch, starb am 12. Juli 1995 im Alter von sechsundachtzig Jahren. Robert Schaub, Ehrenmitglied und Erster Kapellmeister seit der Gründung der Theatergemeinschaft Düsseldorf - Duisburg 1956, erinnerte sich:
" .... Juch verstand es, durch seinen noblen Führungsstil, durch seine Kompetenz und seine reiche Erfahrung auf liebenswürdige Art, aber mit Bestimmtheit die in der ersten Zeit immer wieder auftretenden Schwierigkeiten zu überwinden. Er empfand diese Aufbauphase als persönliche Herausforderung, zumal er sich als gebürtiger Österreicher im Rheinland sehr wohl fühlte. Schon in der zweiten Spielzeit bildete sich aus dem Zuschauerkreis die 'Gesellschaft der Freunde der Deutschen Oper am Rhein', ein Beweis, daß das neue Institut auch vom Publikum voll angenommen worden war....."
Professor Dr. Grischa Barfuss, der von 1964 - 1986 die Deutsche Oper am Rhein geleitet hatte, starb am 28. November 1995 im neunundsiebzigsten Lebensjahr. Am Vormittag des 7. Dezember 1995 fand im Opernhaus Düsseldorf die offizielle Gedenkfeier für diesen bedeutenden Generalintendanten statt, der ein international renommiertes Ensemble an die Deutsche Oper am Rhein zu binden verstand und mit ihm zu seiner Zeit die deutsche Theatergeschichte prägte. Charakteristisch ein Wort von ihm wie dieses: " Wir bedürfen der Kunst, wir bedürfen aber auch einer Wiedergeburt. Einer Wiedergeburt im geistigen Mut, in der Sittlichkeit und in der Freiheit. Diese Werte müssen wir wieder erobern, wenn wir nicht in gefährlichen Illusionen umkommen wollen. Nur in diesem Sinn ist ein Zusammenschluß geistig bewegter und geistig bewegender Menschen zu begrüßen und leidenschaftlich zu bejahen."

"Alles ist Spiel auf Erden.." Mit Verdis Falstaff in der Inszenierung von Michael Hampe, dirigiert von Fabio Luisi, in der Titelpartie John DelCarlo begann die letzte Spielzeit des Generalintendanten Horres, in der er mit ´Wozzeck noch einmal seine Handschrift mit der Interpretation eines Klassikers des zeitgenössischen Musiktheaters zeigte. "Es spricht für Horres' über jeden Einwand erhabene Ernsthaftigkeit, daß er sich kein prunkvolles schmissiges Finale aussuchte, sondern Bergs düsteres Endspiel. Über den Effekt stellte er also die Nachdenklichkeit - als das Ergebnis einer ruhelosen Erkenntnissuche: Wer ist der Mensch?..." schrieb Wolfram Goertz in der Rheinischen Post am 25. 3. 1996.
"Kurt Horres schenkte der Rheinoper zum Abschied einen tief bewegenden 'Wozzeck". Ein Kunstwerk, das alle ergriff und mitriß. Dies bleibt unvergeßlich. Kurt Horres will nicht rühren, er bewegt. Dazu trägt auch Bernhard Kontarskys Dirigat bei, der neben dem liedhaft Kammermusikalischen eindringlich auch das Zerklüftete herausarbeitete...worin ihm die Duisburger Sinfoniker mit bewundernswerter Genauigkeit und Schönheit folgen. In Hermann Becht fand Horres einen Wozzeck von außergewöhnlichem Format. Nicht minder ungewöhnlich tief dringt Trudeliese Schmidt in die Hoffnungs- und Heimatlosigkeit der Marie ein. Ausgefeilt die Porträts des zynisch zupackenden Doktors (Peter-Nikolaus Kante) und des eitlen Hauptmannes (Alexandru Ionitza)..." so die Betrachtung von Sophia Willems am 25.3. 1996 in der Westdeutschen Zeitung.

In dieser letzten Spielzeit 1995/1996 setzte die Uraufführung des Auftragswerks von Giselher Klebe Gervaise Macquart, Dirigent Janos Kulka, Inszenierung August Everding einen weiteren gravierenden Schlußpunkt. Zwei Aufführungen in konzertanter Version ließen in dieser Saison das rigide Korsett der Einsparungen besonders deutlich werden: Tristan und Isolde mit Wolfgang Schmidt, Sabine Hass und Kurt Moll, am Pult Hans Wallat - und Trionfo di Afrodite und Carmina Burana, mit Alexandra Coku, Manfred Fink und Stefan Heidemann, Musikalische Leitung Bruno Weil. Einen heiteren Ausklang bewirkten Die Fledermaus mit Wallat und Wilfried Minks und zwei Ballette, eines von Erich Walter und eines von Heinz Spoerli, der danach in die Schweiz entschwand.

Die Römer hatten einen markanten Spruch: stat pro ratione voluntas - anstelle der Vernunft steht der Wille! Ein anscheinend unterschwellig vorhandenes Ressentiment gegen die sogenannte Hochkultur und der eiserne Sparwille, der mithilfe eines musiktheaterfremden Gutachtens der Unternehmensberatung Kienbaum zementiert wurde, setzten sich durch - ohne Rücksicht auf ein über Jahrzehnte klug aufgebautes und gewachsenes künstlerisches Zwei-Städte-Theater mit einer nicht unschwierigen Organisationsform und einem hochmusikalisch aufeinander abgestimmten Ensemble. Das bedeutete das Ende dieser Aera. Die Platzausnutzung der Deutschen Oper am Rhein betrug zu diesem Zeitpunkt, Januar 1995, im Opernhaus Düsseldorf 97 %!
Wenig verständlich fand Professor August Everding, damals Präsident des deutschen Bühnenvereins, die Einlassung der Städte mit einem so "unseligen Gutachten", das eine Umstrukturierung verlange: "...man möge die Theater vor solchen Gutachtern schützen, sie achten kein Gut, sie ächten Gut."
Kurt Horres, der die Quadratur des Kreises bewerkstelligen sollte, bei weiter drastisch reduziertem Haushalt den hohen künstlerischen Grad zu halten, wollte von seinem Anspruch nicht abgehen und zog sich zurück. Ein unbeugsamer Generalintendant und herausragender Regisseur, der stets für sein Haus und sein Ensemble gekämpft hatte, trat ab. Kurt Horres inszenierte danach als Gastregisseur in München, Frankfurt, Chicago. Mit ihm wanderte ein Teil der Künstlerinnen und Künstler der Deutschen Oper am Rhein zu anderen Bühnen ab.


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