Notizen zur Geschichte der Deutschen Oper am Rhein
Dr. Vita Huber- Hering, Autorin

Musiktheater 1996 - 2009


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Professor Tobias Richter, gebürtiger Schweizer, Intendant im ständig von Finanznöten gebeutelten Bremen, übernahm 1996 die Generalintendanz der Deutschen Oper am Rhein und damit die Aufgabe, wenn schon nicht gerade das Beste, so doch das in der Situation notwendig Erscheinende zu machen. Daß es sich um eine Zäsur in dem überregional anerkannten Niveau der Institution handelte, stellte sich alsbald ein. Die Vorstellungen wurden in dieser Zeit von 387 Aufführungen um achtzig verringert, das Ensemble von vierundsiebzig auf vierundsechzig Mitglieder reduziert. Die Deutsche Oper am Rhein wurde vorerst nicht mehr von einer künstlerischen Persönlichkeit geprägt, sondern von finanziellen Zwängen bestimmt. Das bedeutete den Verlust eigenständiger Inszenierungen, die bisher die Deutsche Oper am Rhein unverwechselbar gemacht hatten, zugunsten eingekaufter Produktionen, die andernorts bereits abgespielt waren. Auch wurden Stücke ausgetauscht: so kam eine Butterfly von Robert Carsen von Gent und Antwerpen an den Rhein und Hans Hollmanns Tannhäuser reiste nach Belgien. Peter Mussbachs Inszenierung von Manfred Trojahns Oper nach Shakespeares Was ihr wollt, wurde nach der Uraufführung in der Bayerischen Staatsoper München an der Deutschen Oper am Rhein gezeigt. Es gab Koproduktionen mit Monte Carlo und Genf, Aufführungen von Pfitzners Palestrina, inszeniert von Nikolaus Lehnhoff, die zuvor in Covent Garden und dem Teatro dell'Opera in Rom auf dem Spielplanstanden und Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen, im Teatro Malibran in Venedig von Benno Besson in Szene gesetzt. Tobias Richter zeigte 2003 einen von ihm 1994 in Straßburg inszenierten Don Giovanni und Jérôme Savary eine Carmen der Pariser Opéra Comique, die auch in Turin über die Bühne gegangen war. Aus dem einstmaligen Tempel der Hochkultur, der etwa in Produktionen von Reinhardt/Wendel oder Kurt Horres schon durch die optische Erscheinungsweise eine verbindliche Stilhöhenebene suggerierte, ist ein Basar geworden ....schrieb Ulrich Schreiber in dem opulenten Band zum fünfzigjährigen Jubiläum der Deutschen Oper am Rhein, 2006.

Gemessen an der langjährigen Zusammenarbeit, sowohl des künstlerischen Teams um Grischa Barfuss als auch der Mitarbeiter um Kurt Horres, wurde es nun in den Chefetagen unruhiger. Auf GMD Hans Wallat, den die Düsseldorfer Symponiker zum Ehrendirigenten ernannten, folgten Zoltán Peskó und 1999 John Fiore. Müßig zu erwähnen, daß auch Jonathan Darlington, Chefdirigent der Duisburger Sinfoniker, guter Tradition von Horres folgend, in den laufenden Opernbetrieb eingebunden wurde.
Ab 2001 firmierten die Duisburger Sinfoniker übrigens als Duisburger Philharmoniker. Direktor Dr. Werner Hellfritzsch schied 2003 aus und Jochen Grote übernahm seine Position. Youri Vamos wurde nach Heinz Spoerli ab 1996 Ballettdirektor und auf Chordirektor Rudolf Staude, der nach über fünfdreißig Jahren produktiver Tätigkeit in den Ruhestand ging, folgten Volkmar Olbrich und nach drei Jahren Gerhard Michalski. Chefdisponent Stephen Harrison aus Horres Zeiten wurde Künstlerischer Betriebsdirektor. In der Dramaturgie dieses fordernden Doppelinstituts gab es den größten Wechsel. Mein Nachfolger als Chefdramaturg wurde 1996 der frühere Kölner Dramaturg und Librettist Claus H. Henneberg. Er starb Anfang 1998 und Timothy Coleman übernahm die Position, um sie 1999 bereits an Michael Leinert abzugeben, den ehemaligen Intendanten des Staatstheaters Kassel, der bis 2006 blieb. Nach ihm kam Dr. Hella Bartnig von der Staatsoper Dresden.

Es wäre nicht gerechtfertigt zu verschweigen, daß inzwischen auch gesellschaftlich andere Zeiten mit anderen Vorlieben entstanden waren. Die Tendenzen der Kommunen radikal zu sparen, entsprachen allerdings nicht unbedingt dem Geschmack einer zumindest in Düsseldorf, dem Anschein nach keineswegs sparenden sogenannten Spaßgesellschaft. "Events" wurden Mode und da Konzeption und Stil zugunsten von möglichst bunter Abwechslung ohnehin nicht mehr gefragt zu sein schienen, akzeptierte man das, was einem von anderswo, wenn auch aus zweiter Hand, als international vorgesetzt wurde. Dazu kamen andere Sensationen, wenn auch nicht immer besonders geglückte, zum Beispiel 1998 die Uraufführung Beuys von Franz Hummel in der über 130 m langen Rheinmetall-Halle Düsseldorf, bestückt mit drei alten Dieselloks und Güter- und Personenwagen, Musikalische Leitung Wen-Pin Chien, Inszenierung Hermann Schneider, Raum Jannis Kounellis. Die Produktion wurde anschließend bei den Wiener Festwochen gezeigt.
Oder: Das Rheingold und Die Walküre der nächsten Saison, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in der Kraftzentrale des Krupp-Hüttenwerks Duisburg-Meiderich. Hans Wallat dirigierte, die szenische Realisation lag bei Tobias Richter und der Technische Direktor Matthias Nitsche verantwortete die Bild- und Raumkonzeption. Der Gunst des Publikums war der spektakuläre Auftritt von Wotans Töchtern geschuldet: hoch zu Roß erschienen Reiterinnen einer Reiterstaffel, während die Wagnerschen Walküren singend auf dem Boden der Fabrik-Halle blieben. Der begonnene Ring des Nibelungen wurde allerdings nicht vollendet, wie Ulrich Schreiber anmerkte, der Sponsor habe sich nach diesen beiden Premieren zurückgezogen. Etwas später nahm Tobias Richter den Ring-Zyklus in der Inszenierung von Kurt Horres wieder ins Repertoire. Apropos Sponsering: zum einhundertjährigen Jubiläum des Chemiekonzerns Henkel, mit der bekannten Weißen Dame als Reklame, kam 2001 die selten gespielte Oper von François-Adrien Boieldieu La Dame blanche auf die Bühne, dirigiert von Baldo Podic, inszeniert von Tobias Richter, Bühne Johannes Leiacker.

Überregional äußerst positiv beurteilt wurde die Deutsche Erstaufführung der Oper Drei Schwestern von Peter Eötvös, 1999, dirigiert von Wen-Pin-Chien und Günther Albers ( zwei Orchester), inszeniert von Inga Levant, Bühne Johannes Schütz. Von unterschiedlicher Resonanz waren dagegen zwei Uraufführungen: problematisch das Auftragswerk Madame la Peste von Gerhard Stäbler, 2002, Musikalische Leitung Günter Albers, Inszenierung Elmar Fulda, Bühne Florian Parbs, und erfolgreich das Auftragswerk Vipern von Christian Jost, dirigiert von John Fiore, Inszenierung Eike Gramss, Bühne Gottfried Pilz. Erst- und Uraufführungen von Giorgio Battistelli und Mauricio Kagel ergänzten den Spielplan des zeitgenössischen Musiktheaters.
Hatte Kurt Horres aus Respekt vor dem Janáček-Zyklus seines Vorgängers Grischa Barfuss in Düsseldorf auf Opern dieses Komponisten verzichtet, so konnte Tobias Richter sie nun wieder auf den Spielplan setzen. 1996 begann in der Regie von Stein Winge die Reihe der Janáček-Aufführungen, in tschechischer Sprache: Katja Kabanowa mit Clarry Bartha und Helga Dernesch als Kabanicha, Musikalische Leitung Hans Wallat - Jenufa mit Trudeliese Schmidt als Küsterin, 1998, Dirigent Jonathan Darlington - sowie im Jahr 2000 Die Sache Makropulos mit Gitta-Maria Sjöberg, und 2001 Das schlaue Füchslein mit Marlis Petersen, Dirigent beider Opern John Fiore.
Neben den Arbeiten von Stein Winge erzielte Christof Loy mit einer 1997 inszenierten Manon von Jules Massenet einen überregionalen Erfolg, am Pult Baldo Podic, Bühne Herbert Murauer. Die Titelpartie sang Alexandra von der Weth, die in den nächsten Jahren mit eindrucksvoller Stimme und effektvoller Bühnenpräsenz als Traviata, Lucia di Lammermoor, Lulu und Norma brillierte. Sergej Khomov war ihr herausragender Partner als Des Grieux, Alfredo, Edgardo und in weiteren Tenor-Partien. Zu den Inszenierungen Christof Loys, der während der Generalintendanz von Tobias Richter das Musiktheater in Düsseldorf-Duisburg weitgehend prägte, zählte auch der fünfaktige Don Carlos zum 100. Geburtstag von Giuseppe Verdi.
Viel diskutierte man überdies die spektakuläre Premiere von Hector Berlioz' Les Troyens, in der das Publikum zwischen dem 2. und 3. Akt in Bussen von Duisburg nach Düsseldorf, beziehungsweise der Handlung folgend von Troja nach Karthago chauffiert wurde. Eine glücklichere Hand hatte Loy offenbar mit seiner Monteverdi-Trias: L'Orfeo, 2001 - Il ritorno d'Ulisse in patria, 2003, - und L'incoronazione di Poppea, 2004.

Inzwischen war das Düsseldorfer Opernhaus dringend der Sanierungbedürftig. Der Spielbetrieb mußte im Frühjahr 2006 eingestellt werden. Während der Umbauten zog das Ensemble in ein neu errichtetes Provisorium namens RheinOperMobil, einen der Shakespeare-Bühne angenäherten Holzbau in der Nähe des Düsseldorfer Landtags. Am 18. August 2007 wurde das Opernhaus Düsseldorf mit Verdis La Traviata wiedereröffnet. 2006 war auch das Jubiläumsjahr der Gründung der Deutschen Oper am Rhein vor fünfzig Jahren, das festlich begangen wurde, unter anderem mit der erwähnten Publikation DOR 50 Jahre Musiktheater - Deutsche Oper am Rhein 1956-2006. Dem Text- und Bildteil liegen auch zwei CDs mit achtzehn Tondokumenten bei, ausgewählt von Thomas Voigt, darunter ein einziges Beispiel aus der Aera von Kurt Horres. Thomas Voigt begründet dies mit "dürftiger Klangqualität" und: "Außerdem hatte ich bei manchen Aufführungen, beispielsweise Korngolds Die tote Stadt den Eindruck, daß sie eher szenisch als sängerisch von Bedeutung waren.Trudeliese Schmidt, William Cochran und in anderen Aufführungen Gabriele Schnaut, Fionnuala McCarthy, Hermann Becht, Richard Salter, Wolfgang Schmidt, Kurt Moll -"eher szenisch als sängerisch von Bedeutung" ??
Im übrigen war der kompetente Tonmeister und Leiter der Abteilung Tontechnik der Deutschen Oper am Rhein in der Generalintendanz von Kurt Horres als auch bei Tobias Richter tätig und ist es bis heute. Eine "dürftige Klangqualität" ist daher bei ihm nicht vorstellbar. Es muß also wohl an etwas anderem gelegen haben.

Aber zurück zum Thema. Eine der letzten spektakulären Veranstaltungen der Generalintendanz Tobias Richter war die Uraufführung des Auftragswerks The Fashion von Giorgio Battistelli am 26. Januar 2008, ein Zugeständnis an die Modestadt Düsseldorf. Die zwanzigste Oper des italienischen Komponisten, dirigiert von John Fiore, inszeniert von Michael Simon, ging, laut Ulrike Gondorf im Deutschlandradio Kultur, als "Farce" und "absurd übersteigerte Satire auf die Eitelkeiten und Hysterien der Modebranche" über die Bühne.

2007 stellte der Aufsichtsrat der Deutschen Oper am Rhein der Presse Christoph Meyer als künftigen Generalintendanten vor.
Tobias Richter wurde 2009 zum Intendanten des Grand Théâtre de Genève berufen.

Was war? Was bleibt? Es bleibt die durch mehr als fünf Jahrzehnte beständige Theatergemeinschaft zweier Städte im Opernhaus Düsseldorf und dem Theater der Stadt Duisburg, eine Verbindung, die in guten und weniger guten Zeiten finanzieller und kulturpolitischer Art kraft künstlerischer Intentionen gehalten hat. In dreiundfünfzig Jahren gab es lediglich vier Generalintendanten, die mit unterschiedlichen Prägungen von Verantwortungsbewußtsein und Konsequenz zu ihrer Aufgabe, standen, zwei von ihnen Regisseure. In einer Zeit, in der es zunehmend üblich wurde sich von Karussell zu Karussell zu schwingen, steuerten sie mit mehr oder weniger Fortune dieses komplizierte Gebilde lebendiger Kunst auf den Wellen der Zustimmung, aber auch zuweilen durch die Gefahren des Unverständnisses. Getragen wurde und wird die Deutsche Oper am Rhein von Künstlerinnen und Künstlern, die unvergessen in der Erinnerung leben und in der Gegenwart präsent sind. Sie begleiten als inspirierte und inspirierende Gestalten des Musiktheaters diese Voyage durch die sinnliche und sinnbildliche Welt der Bühne. Das Signum der Deutschen Oper am Rhein findet sich durch das Können und die Ausstrahlung des Ensembles in der ganzen Welt.


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