Notizen zur Geschichte der Deutschen Oper am Rhein
Dr. Vita Huber- Hering, Autorin

Musiktheater - Die Vorgeschichte


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Was war? Was blieb? - Wo beginnt die Theatergeschichte der Landeshauptstadt Düsseldorf, sieht man einmal von den Theatertruppen ab, die rheinauf und rheinab durch die Lande zogen? Nachzulesen in Heinrich Riemenschneiders fundiert recherchierten zweibändigen Theatergeschichte. Jede kulturelle Stadtgeschichte basiert auf Fundamenten. So auch die Theatertradition Düsseldorfs und Duisburgs und umso beständiger, da ab und zu frischer Wind von außen wehte. Die eben mal fünfundfünfzig Jahre junge Institution Deutsche Oper am Rhein entstand ja nicht mit einem Federstrich aus dem Nichts.

Alles begann mit einer Ehe, nämlich der des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz mit der schönen und nicht unbetuchten Florentinerin Anna Maria Luisa, Tochter des Großherzogs von Toscana, Cosimo III. Die kunstsinnige Mediceerin aus der damaligen Metropole Florenz muß sich im Städtchen Düsseldorf, in dem auch keineswegs komfortablen Schloß am Rhein nicht schlecht gelangweilt haben. Deshalb sammelte sie mit ihrem Mann in ganz Europa Kunstgegenstände und Gemälde. Außerdem ließ sie aus Florenz ein bißchen mehr Leben kommen: italienische Sängerinnen und Sänger für die Aufführungen barocker Opern. 1746 wurde ein kurfürstliches Komödienhaus erbaut und, was damals keineswegs selbstverständlich war, die Untertanen waren zugelassen. Allerdings durften sie auch zahlen. Als Kurfürst Jan Wellem, wie die Düsseldorfer ihn nannten, starb, verschwanden die Kunstschätze aus dem Schloß, zum Teil zu den Erben Richtung Münchner Pinakothek, zum Teil mit Anna Maria Luisa zurück nach Florenz. Das Theater jedoch stand und ging 1818 in den Besitz der Stadt Düsseldorf über.

Verschiedene Theatergesellschaften spielten in diesem Komödienhaus bis 1832 ein eigenes Stadttheater erbaut wurde. Nun regierte keine Liebhaberei mehr, sondern professioneller Kunstverstand die Bühne. Karl Immermann, Jurist, Theaterautor und Romancier engagierte Felix Mendelssohn-Bartholdy als Dirigenten und Musikdirektor und den genialen Christian Dietrich Grabbe als Dramaturgen, der Immermann "Geist und kräftigen Willen" bescheinigte, die "Musterbühne" zu leiten. Grabbe, Autor scharfsinniger Theaterkritiken von Oper und Schauspiel und Dramatiker avantgardistischer Szenenfolgen, die im rasenden Wechsel gleichsam filmische Sequenzen vorwegnehmen, starb 1836 von Alkohol zerrüttet. Daß ausgerechnet dieser in der Phantasie mächtige und im Leben elende und zerrissene Charakter von den Nationalsozialisten genau hundert Jahre später mit Grabbe-Festwochen vereinnahmt und als Nationaldichter gefeiert wurde, hätte sein Zeitgenosse Heinrich Heine gewiß sarkastisch kommentiert. In Grabbes, die Vergessenheit überlebenden Schauspiel "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" berührt am Ende der Auftritt des "vermaledeiten Grabbe" selbst, der als Autor auf der sich eindunkelnden Bühne mit einer Laterne die von ihm erfundenen Figuren sucht, bevor der Vorhang fällt. Vielleicht suchte er in seiner Phantasie wie Diogenes mit dem Licht der Lampe "einen Menschen". Wahrscheinlich hatte Grabbe ihn nur in Immermann gefunden. Dieser starb 1840, nachdem er sein Unternehmen, dem Theater Düsseldorfs Stil und Richtung zu geben, scheitern sah. Die Düsseldorfer, ein amüsables Völkchen, waren noch nicht so weit, seinem Kunstverstand zu folgen. Das Interesse der Stadt verlagerte sich ausschließlich auf die Musik, als 1850 Robert Schumann die Position des Städtischen Musikdirektors antrat und mit Clara Schumann nach Düsseldorf zog.

1887 beschlossen Düsseldorf und Duisburg die Theateraufführungen gemeinsam zu finanzieren. 1905 gründete Louise Dumont, damals eine der bedeutendsten Schauspielerinnen auf den Bühnen von Berlin, Stuttgart und Wien, sowie durch Gastspielreisen in Europa bis nach Moskau und St. Petersburg bekannt, mit ihrem Mann, dem Schauspieler und Regisseur Gustav Lindemann das Neue Düsseldorfer Schauspielhaus. Es sollte bewußt an das kulturelle Wirken Karl Immermanns anschließen.Das Dumont-Lindemann-Ensemble gehörte zu den berühmten stilbildenden Theatern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Auswirkungen des ersten Weltkriegs allerdings, die Besetzung des Rheinlands, die inflationären Zeiten schwächten die künstlerischen Intentionen Louise Dumonts. Als sie 1932 starb, war ihr Stil pathetisch geworden und längst von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit überholt. Das was blieb, war das renommierte Dumont-Lindemann-Archiv, ein Schatz als Basis des Düsseldorfer Theatermuseums. 1933 war der Traum von der Freiheit des Geistes, nicht nur an den Theatern, ohnehin vorbei und viele der verfolgten Künstler und Künstlerinnen wurden gezwungen, Deutschland zu verlassen.
Von 1927 - 1937 übernahm Walter Bruno Iltz als Generalintendant die Städtischen Bühnen mit Oper und Schauspiel. Von den Berliner Bühnen Max Reinhardts und Leopold Jessners beeinflußt, bekam er bald Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten in Düsseldorf, die ihm 1937 seine Position entzogen. Er ging nach Wien und leitete dort das Volkstheater von 1937 - 1944 in den verordneten Spielplanrichtlinien, in deren Rahmen es ihm zuweilen möglich war, gefährdete Künstler zu schützen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Städtischen Bühnen Düsseldorf von 1947 - 1955 wieder einen künstlerischen Höhepunkt unter der Generalintendanz des Schauspielers, Regisseurs und ehemaligen Generalintendanten der Preußischen Staatstheater, Gustaf Gründgens, der als junger Mann die Schauspielschule Dumont-Lindemann besucht hatte. Seine Inszenierungen im Schauspielhaus wie im Opernhaus Düsseldorf wurden legendär. So sang zum Beispiel in seiner Inszenierung von Mozarts "Die Hochzeit des Figaro die junge Martha Mödl den Cherubin unter der musikalischen Leitung von Heinrich Hollreiser. 1951 setzte Gründgens, der zwar Opern inszenierte, sich aber mit dem gesamten Apparat von Chor und Orchester nicht unbedingt beschäftigen wollte, die Gründung der Neuen Schauspiel GmbH durch und die Sparten Oper und Schauspiel wurden getrennt. Man holte erneut Walter Bruno Iltz als Generalintendanten und er führte die Oper bis 1955. Zu diesem Zeitpunkt ging Gründgens an das Deutsche Theater in Hamburg und die Zeit war reif für neue Impulse, die überwiegend von Duisburg ausgingen. Die beiden wirtschaftlich so unterschiedlichen Städte Düsseldorf und Duisburg gründeten die Theatergemeinschaft mit dem Namen Deutsche Oper am Rhein, die bis heute stabil blieb, wenngleich sich ihr Profil im Lauf der fünfeinhalb Jahrzehnte wandelte.

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